Das Lance Armstrong Interview – Was Führungskräfte vom Geständnis Lance Armstrongs lernen können

Sehr geehrte Leser,

war Lance Armstrong gedopt, oder nicht gedopt? Diese Frage hat alle Sportfans rund um den Globus über Jahre beschäftigt und in 2 Lager gespalten: seine Anhänger und seine Gegner.

Viele haben gespannt auf das Interview bei Ophra Winfrey gewartet und nun ist endlich klar. Ja, er hat gedopt! Da die Verdachtsmomente sich seit Monaten verdichtet haben, ist es keine große Überraschung mehr. Einzig die Offenheit, mit der Lance Armstrong nach all den Dementis nun sein Geständnis ablegt, läßt uns staunen.

 

Viel wichtiger als nun einem am Boden liegenden Mann nachzutreten ist die Frage: Welche Lehren und Erkenntnisse ziehen wir daraus? Ich betrachte es heute aus dem Blickwinkel Management und Leadership.

Was regt uns in erster Linie auf? Nicht, dass er systematisch gedopt hat, sondern dass er die ganze Welt über Jahre hinweg von Grund auf belogen hat. Aus Leadership-Sicht war er für eine ganz Generation Radsportler ein Idol, zu dem alle mit Bewunderung aufgeschaut haben. Er stand im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses und somit in absoluter Vorbildfunktion. Er war eine Lichtgestalt, aber hatte er auch Charisma? Ich bin sicher, die Mehrzahl der Leser sagt entschieden “Nein”. Wir bewundern zwar seinen Ehrgeiz und unbändigen Willen, aber es ist ein schmaler Grad, bis sich daraus Verbissenheit bis hin zur Besessenheit entwickelt. Bei Lance Armstrong mündete es nahezu in Realitätsverlust. War er noch in der Lage zu unterscheiden, was grundsätzlich moralisch vertretbar ist? Bezogen auf die Arbeit als Führungskraft bedeutet dies: wir brauchen unser Team, um uns immer wieder zu erden und uns der Realität des Arbeitsalltags für das Machbare zu stellen. Dafür braucht es persönliche Nähe zum Team und Interesse an den Menschen, die es verkörpern. Im Falle von Lance Armstrong hat er die Fahrer seines Teams darauf ausgerichtet ihm allein in der Öffentlichkeit zu Glanz zu verhelfen. Er stand nicht für das Team, nein, er war das Team. Das erklärte Teamziel “Gewinn der Tour de France” stand fest, aber Armstrong nahm auch starken Einfluss auf das “Wie”, d.h. die Umsetzung durch das Team. Als Führungskraft sollten Sie darauf bedacht sein möglichst den Weg zum Ziel gemeinsam mit dem Team zu erarbeiten und festzulegen. So erreichen Sie Committment für das Ziel und verstärkte Verantwortungsübernahme durch die Teammitglieder. Stellen Sie die beruflichen Etappensiege stets als Teamerfolg dar und feiern Sie ihn entsprechend, oder aber heben Sie den Mitarbeiter hervor, der den Erfolg maßgeblich herbeigeführt hat. Bringen Sie andere zum “strahlen”. So erhalten Sie im Gegenzug Loyalität und nahezu grenzenlosen Einsatz von Ihren Mitarbeitern. Bjarne Riis tat 1997 genau dies in der legendären Bergetappe Andorra-Arcalis, als er am Schlussanstieg Jan Ullrich zurief «Dreh Dich nicht mehr um, fahr!». Ullrich gewann die Etappe und holte einige Tage später sogar den Toursieg. Ich bezweifle, dass Lance Armstrong selbst bei Einnahme aller unerlaubten Mittel ohne seine Helfer im Team auch nur einen Toursieg allein errungen hätte. Aber kennt noch jemand die “Wasserträger” des U.S. Postal Teams von damals? Am ehesten wahrscheinlich die, die nun nach Jahren des Unter-Druck-Setzens durch Armstrong darauf brennen, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Eine Zeit lang geht das gut, sogar sehr gut, wie das Beispiel Lance Armstrong zeigt. Doch irgendwann bricht das systematisch und professionell aufgebaute System aus Lügen und Druck zusammen, die dann das Ende der persönlichen Karriere bedeuten. Gleiches gilt auch im Management. Oftmals erfahren HR und das Top Management erst im Nachhinein vom Martyrium einer ursprünglich als “Lichtgestalt” eingeschätzten Führungskraft. Es gibt einen klaren Unterschied zwischen einer intensiven und einer angespannten Arbeitsatmosphäre. In einem intensiven Arbeitsumfeld kennt jeder das Ziel und gibt freiwillig und dauerhaft sein Bestes. Das kann laut einer Studie der Wiseman-Group  zu einer Leistungssteigerung das 2,1-fache beim einzelnen Mitarbeiter betragen. In einem angespannten Arbeitsumfeld ist in erster Linie die Angst vor Ärger mit dem Chef der Antreiber. Dem stehen die weitaus mächtigeren emotionalen Bremsfaktoren Neid und Missgunst gegenüber den vom Chef eingefahrenen Lorbeeren, Angst vor Versagen und Resignation gegenüber. Sie führen entweder dazu, dass die besten Köpfe der Abteilung das Unternehmen frühzeitig verlassen, oder einzelne Mitarbeiter an Burn-Out erkranken. Es entstehen unnötige Krankheitskosten und neben dem Wissensverlust kommen noch zusätzliche Kosten für den anschliessenden Bewerbungsprozess und die Einarbeitung auf das Unternehmen zu.

 

8 Management-Lehren aus dem Lance Armstrong Geständnis:

  1. Seien Sie sich Ihrer Vorbildfunktion stets bewusst und leben Sie sie ohne Ausnahme täglich vor.
  2. Seien Sie (auch) im Berufsleben stets ehrlich. Einmal gelogen und erwischt, und Ihr Team wird Ihnen nie wieder vertrauen!
  3. Ehrgeiz ist wichtig, aber prüfen Sie von Zeit zu Zeit in Ihrem Umfeld, ob er noch “im Rahmen” ist, oder ob er zu Lasten anderer geht.
  4. Werden Sie “Wasserträger” Ihres Teams und ermöglichen Sie Ihrem Team und Ihren Mitarbeitern zu glänzen.
  5. Kreieren Sie ein forderndes und intensives Arbeitsumfeld, in dem Ihre Mitarbeiter Ihr Bestes geben.
  6. Seien Sie dabei offen für die Ideen anderer und setzen Sie die individuellen Stärken der Teammitglieder nutzbringend ein.
  7. Fördern Sie Ihre Mitarbeiter. Geben Sie Ihnen Aufgaben, an denen Sie wachsen können, um sie auf den nächsten, noch größeren Schritt vorzubereiten.
  8. Profilieren Sie sich nie auf Kosten anderer. Ehre, wem Ehre gebührt! Ihr Team und seine Mitglieder sind die Stars
Ich bin gespannt auf Ihre Kommentare.
Herzliche Grüße
Marco Schröder

 

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Kommentar schreiben (2 Kommentare so far)


  1. Holger Reese
    2218 Tagen ago

    Moin Marco!
    Wenn man diese Lehren erst aus dem Geständnis von Armstrong zieht, dann hat man vorher schon einiges falsch gemacht … wie ist man denn bisher durchs Leben/Management gegangen? Einige deiner Lehren treffen nur bedingt auf Armstrong und den Profi-Radsport zu, wie ich finde (insbesondere 5 und 7). Die Medien und wir Zuschauer wollen nicht das Team … wir wollen einen Superstar. Und daran orientieren sich die Sportler.
    Das Geständnis von Armstrong hat mich nicht überrascht. Er hat sich das auch sicherlich gut bezahlen lassen. Es kann nicht sein, dass man diesem Betrüger und Lügner nochmal eine so große Bühne bereitet. Ignorieren wäre richtig gewesen!
    Liebe Grüße
    Reesi


  2. Marco Schröder
    2217 Tagen ago

    Moin Holger,
    gerade bei Punkt 5 hat Armstrong doch ein Umfeld der Angst aufgebaut. Er hat in Teil 2 des Interviews mehr oder minder zugegeben (keine Antwort auf die direkte Frage Ophra Winfreys), seinen Teammitgliedern Doping nahegelgt und mit Konsequenzen gedroht zu haben. Das ist ein Klima der Unterdrückung und der Angst. Das züchtet Söldner, die für Geld eine gewisse Zeit lang alles machen. Managementstudien zeigen aber immer wieder, dass es für top-motivierte Mitarbeiter nicht in erster Linie des Geldes bedarf. Die Forderung nach mehr Geld (Gehalt) ist oftmals eine Art “Schmerzensgeld” für frustrierte Mitarbeiter. Zu Punkt 7 haben wir gerade in der Handball WM im Spiel der deutschen Mannschaft aus meiner Sicht ein hervorragendes Beispiel dafür gesehen. Zum einen ist die Mannschaft der Star. Aus dem “wir” ziehen die international noch recht unerfahrenen Spieler die Energie für wahre Höhenflüge. Und wer kannte denn schon vor der WM einen Spieler Namens Schmidt aus Wetzlar? Heute hat er seine Chance mit viel Spielzeit bekommen und klasse genutzt. Ich bin sicher der hat heute so viel gelernt, dass er für die kommenden Spiele bestens gerüstet ist. Genau darin liegt die Berufung eines Managers. Talente zu erkennen, sie an ihre eigenen Grenzen zu bringen und darüber hinaus zu fördern, um Ihnen Wachstum zu ermöglichen.

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